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Emily Chebet wurde Cross-Weltmeisterin, hat aber gedopt, Freizeitathletin Maria Winkler sicher nicht. Trotz anstrengendem Beruf schaffte sie ihre neue ­Marathon-Bestzeit (2:56 Stunden). Welche Leistung ist faszinierender? (Fotos: Victah Sailer/Photo Run, privat)

Grünings Klartext (aus: Runner’s World 03/2016)

Ich komme nicht davon los

Der Spitzensport steckt in einer Krise und hat an Glaubwürdigkeit verloren – und dennoch kann man sich seiner Faszination nicht so leicht entziehen. Aber hier arbeitet jemand daran.

Mit der Tour de France fing es bei mir irgendwann an. Als Kind hatte ich sie fasziniert am Fernseher verfolgt, dann wurde die Begeisterung unweigerlich von Dopingfall zu Dopingfall hinweggefegt, und heutzutage schalte ich beim Radsport grundsätzlich aus. Das schaffe ich, das halte ich durch. Dann kam die Leichtathletik. Der Sport, in dem ich aufgewachsen bin. Als Jugendlicher motzte ich nur über das Staatsdoping im sogenannten Ostblock, dann ging vor zwei Jahrzehnten auch mein Glauben an den Westen vor die Hunde. Ich begann darüber das Inte­resse an einzelnen Disziplinen zu verlieren, fühlte bald nicht mehr den Drang, die großen Leichtathletik-Ereignisse zu besuchen und mir alle Meetings im Fernsehen anzuschauen (damals wurden sie noch übertragen), und bestellte sogar das Fachmagazin „Leichtathletik“ ab, das ich als Schüler jeden Donnerstag sehnsüchtig erwartet hatte. („Mama, war der Postbote schon da?“)

Und jetzt kommt es täglich knüppeldick. Dopingfälle en masse auch im Langstrecken- bzw. Marathonbereich. Und die Afrikaner mittendrin. Von wegen Höhenluft, schmale Waden und federnder Boden, Ugali und feste Achillessehnen und der Traum von Ruhm und Reichtum und was wir sonst noch für deren Geheimnisse hielten. Nein, auch ihre Leistungen muss man heute immer hinterfragen. Und so macht es einfach keinen Spaß mehr, den Sportteil der Tageszeitung aufzuschlagen. Beneiden tue ich die Kollegen der Tagespresse um ihre Aufgaben als Journalisten schon lange nicht mehr. Kommt zum Doping doch noch das große Gemauschel der Sportverbände und ihrer Funk­tionäre hinzu. Leichtathletik-WMs werden offenbar genauso verschoben wie Fußball-WMs. Und der langjährige Leichtathletik-Präsident Lamine Diack war offensichtlich der Obergauner. Der neue Präsident Sebastian Coe, acht Jahre als Vize an Diacks Seite, soll davon nichts mitbekommen haben? Das ist kaum zu glauben.

Ich habe die Schnauze voll, gestrichen voll. Aber das habe ich an dieser Stelle in letzter Zeit ja schon öfter kundgetan – und bisher noch nicht die Konsequenzen gezogen. Zu Recht warf mir Leser Michael Sassnik vor, diesbezüglich in den letzten Monaten völlig inkonsequent gewesen zu sein (siehe „Leserforum“, Seite 96). Mal kündigte ich an, bald überhaupt nicht mehr vom Spitzensport zu berichten, mal hielt ich nach großen Lauferfolgen bewusst mit meinen Emotionen hinterm Berg (zum Beispiel nach Gesa Krauses ­großem Hindernis-Erfolg als Dritte der Leichtathletik-WM). Und immer drohte ich, ab jetzt nur noch die Freizeitathleten zu feiern … Allein, gelungen ist es mir tatsächlich nicht. Ich komme nicht los vom Spitzensport. Hänge an der Nadel der Faszination, die dieser (auf mich) ausübt. Als ehemaliger Marathonläufer mit spitzensportlichen Ambitionen sowieso, aber auch als Lebens­läufer, der weiterhin Spaß daran hat, jeden Tag laufen zu gehen und sich ab und zu „die Kante zu geben“ – auch mal auf einer alten Aschenbahn, die ich liebevoll „mein Kenia“ nenne.

Aber ich bin auf dem Weg. Auf dem Weg, alles etwas nüchterner zu betrachten. Auf dem Weg, die Evolution eines Laufeinsteigers vom Stampfer bis zum Traber faszinierender zu finden als die Entwicklung eines von allen Seiten gefeierten Weltklasseläufers zum Weltrekordläufer. Es ist ein langer Weg der Selbsterkenntnis. Ein sehr langer Weg, ich gebe es zu. Aber ich schaffe das. ­Irgendwann, versprochen, Michael, werde ich hier auch nicht mehr fasziniert Kilometer für Kilometer die Zwischenzeiten ­eines Arne Gabius bei seinem Deutschen Marathonrekord analysieren. Noch bin ich nicht so weit, aber ich bin knapp davor. Ganz knapp davor. Ein paar wenige Läufer gibt es da noch. Aber wenn die „fallen“, dann mache ich diese Seite zu. Nein, dann gebe ich sie frei, für was auch immer, aber es wird nichts mehr mit dem Spitzensport zu tun haben. Versprochen!

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