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Hendrik Pfeiffer hat sich für die Olympischen Spiele qualifiziert (Foto: Norbert Wilhelmi)

Grünings Klartext (aus: Runner's World 08/2016)

Ein Novum

Sechs deutsche Marathonläuferinnen und -läufer haben sich für die Olympischen Spiele in Rio qualifiziert, so viele wie lange nicht. Das ist schön, für den Laufsport aber gar nicht mehr so wichtig

Vor einiger Zeit fragte ich auf meiner Facebook-Seite, wann sich denn zuletzt sechs deutsche Marathonläuferinnen beziehungsweise -läufer für die Olympischen Spiele qualifiziert hätten. Die richtige Antwort kam erst nach Tagen, denn das liegt ewig ­zurück: Es war 1988. Da war Deutschland noch geteilt, für die BRD qualifizierten sich vier und für die DDR zwei Teilnehmer. Dieses Jahr sind es sechs, die für ein Deutschland starten. Ein absolutes Novum. Mit Anja Scherl, Lisa und Anna Hahner, Arne Gabius, Philipp ­Pflieger und Hendrik Pfeiffer schicken wir die maximale Anzahl an Marathonläufern nach Rio. Und das ist gut so, egal was unsere Athleten dort über die 42 Kilometer auf die Beine stellen.

In den letzten Jahren sah das noch ganz anders aus: 2004, 2008 und 2012 war kein deutscher ­Marathonmann bei Olympischen Spielen am Start. Die Normen richteten sich damals an den Resultaten der Weltspitze aus und setzten eine „Endkampfchance“ voraus, was vage bedeutete, dass man bei den Spielen unter die Top 12 laufen können sollte. Dass die meisten Spitzenergebnisse inzwischen die Folge ­eines unsauberen Sports sind, wurde dabei negiert, noch bis in den Herbst letzten Jahres. Erst der immer lauter werdende Unmut der Athleten (allen vo­ran Philipp Pflieger) brachte den Deutschen Leichtathletik-Verband zum Einlenken, die Normen wurden gesenkt.

Ich habe an dieser Stelle schon immer dafür plädiert, dass man speziell im Marathonlauf eigene Kriterien an eine Nominierung anlegen muss: Laufen ist ein Volkssport, anders als Kugelstoßen oder ­Rhythmische Sportgymnastik. Und Laufen ist der ­gesündeste Volkssport der Welt: Er schützt vor Übergewicht, hohen Cholesterinwerten, senkt das Infarkt- und Schlaganfallrisiko und so weiter. Dass so viele Menschen laufen, führt zu einer maßgeb­lichen Entlastung unseres Gesundheitssystems. Und so ein Volkssport bekommt Auftrieb, wenn er Vorbilder hat, in unserem Fall besser: Vor­läufer. Solche Vorläufer sind zum Beispiel Olympiateilnehmer. Denn immer waren die Olym­pischen Spiele die größte Plattform für ­einen Sportler, um etwas für sein persönliches Image, aber auch für das seiner Sportart zu tun!

Ob ich weiterhin dafür plädiere, dass möglichst die maximale Zahl an Marathonläufern zu Olympischen Spielen fährt, weiß ich (noch) nicht. Der einfache Grund: Es könnte mir egal werden. Die Laufszene braucht die Olympischen Spiele als Plattform zunehmend weniger, und das wird in den nächsten Jahren immer relevanter. Denn für die Laufstars von heute gibt es viel größere Plattformen. Man nennt sie auch soziale Netzwerke. Facebook, Youtube und Instagram machen Menschen, Sportler und Läufer zu Stars, ganz ohne Olympia-Teilnahmen. Das kann man gut finden oder nicht, aber es ist so. Kennen Sie Finn Vogler? Nein? Aber Sie kennen „Finnrunner“, oder? Finn hat eine Marathon-Bestzeit von 3:50 Stunden, eine Halbmarathon-Bestzeit von 1:42 Stunden, und sein großes Ziel ist es, einmal einen Halbmarathon in unter 1:30 Stunden zu laufen. Und Finnrunner hat 59 000 Follower auf Instagram. 59 000! Arne Gabius rennt den Marathon in 2:08:33 Stunden, Arne hat 3119 Instagram-Follower … Noch Fragen?

Vielleicht verhalte ich mich demnächst ganz „antizyklisch“ und plädiere doch wieder für ­harte Normen bei den Olympischen Spielen. Der Dopingkampf ist ja eh einer gegen Windmühlenflügel. Dann sind die Olympischen Spiele eben die Gladiatorenkämpfe hochgezüch­teter und mit Medikamenten vollge­stopfter Sportmaschinen, denen auf Bezahl-Kanälen zuschauen kann, wer mag. Und wir echten Läufer machen uns unsere eigenen Stars. Mein größter Laufheld ist derzeit eine Kollegin aus unserer Anfänger-Laufcrew, die es geschafft hat, innerhalb von wenigen Wochen acht Kilometer am Stück zu laufen. Ihr fehlt jetzt nur noch ein Instagram-Account.

 

Sechs für Rio
Deutsche Marathonteilnehmer bei Olympischen Spielen, seit der Marathon für Frauen und Männer zugelassen ist

1984*
2 Teilnehmer
Männer
Ralf Salzmann (18.)
Frauen
Charlotte Teske (16.)
1988**
6 Teilnehmer
Männer
Ralf Salzmann, BRD (23.)
Herbert Steffny, BRD (nicht angetreten)
Jörg Peter, DDR (aufgegeben)
Frauen
Katrin Dörre, DDR (Bronze)
Kerstin Preßler, BRD (21.)
Gaby Wolf, BRD (27.)
1992
4 Teilnehmer
Männer
Stephan Freigang (Bronze)
Konrad Dobler (49.)
Frauen
Katrin Dörre-Heinig (5.)
Birgit Jerschabek (15.)
1996
5 Teilnehmer
Männer
Konrad Dobler (48.)
Stephan Freigang (aufgegeben)
Frauen
Katrin Dörre- Heinig (4.)
Sonja Oberem- Krolik (8.)
Uta Pippig (aufgegeben)
2000
3 Teilnehmer
Männer
Michael Fietz (37.)
Carsten Eich (54.)
Frauen
Sonja Oberem-Krolik (24.)
2004
2 Teilnehmer
Männer

Frauen
Luminita Zaituc (18.)
Ulrike Maisch (aufgegeben)
2008
2 Teilnehmer
Männer

Frauen
Melanie Kraus (38.)
Susanne Hahn (52.)
2012
2 Teilnehmer
Männer

Frauen
Irina Mikitenko (14.)
Susanne Hahn (32.)
2016***
6 Teilnehmer
Männer
Arne Gabius
Philipp Pflieger
Hendrik Pfeiffer
Frauen
Anja Scherl
Lisa Hahner
Anna Hahner

*Boykott der Spiele u. a. durch die DDR
**BRD und DDR nahmen als getrennte Teams teil
*** Die Marathons finden in Rio am 14.8. (Frauen) und 21.8. (Männer) statt.

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