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Caster Semenya (Mitte) gewann in Rio vor Francine Niyonsaba (links) und Margaret Wambui (rechts) (Foto: Victah Sailer/Photo Run)

Grünings Klartext (aus: Runner's World 11/2016)

Frau oder Mann?

An Caster Semenya scheiden sich die Geister. Seit sie 2009 Weltmeisterin über 800 Meter wurde, wird die maskulin wirkende Südafrikanerin hart angegriffen. Sollte man die Diskussion nicht anders führen?

Kennen Sie Caster Semenya? Ja? Und was denken Sie, wenn Sie an sie denken? Caster Semenya gewann die 800 Meter bei den Olympischen Spielen in Rio – souverän. Das war voraussehbar. Voraussehbar war auch, dass anschließend wieder einmal nicht die Leistung der inzwischen 25-jährigen Südafrikanerin im Mittelpunkt der Berichterstattungen stand, sondern ihre äußere Erscheinung – genauso wie die der zweit- und drittplatzierten Frauen Francine Niyonsaba (Burundi) und Margaret Wambui (Kenia). Alle drei haben ein sehr männliches Erscheinungsbild, sowohl hinsichtlich des Körperbaus als auch in Bezug auf ­die Gesichtszüge. Und alle drei stehen deswegen immer wieder in der Diskussion. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar. Was ich allerdings unerträglich finde, ist der Stil, in dem diskutiert wird. Von „Mannweibern“ wurde geschrieben, von „Dorfflegeln“, von „Betrug“ und von „gespenstischen Bildern“. Muss man in der Diskussion über das Thema Intersexualität nicht sensibler sein? Sehr viel sensibler? Ich sage Ja. Und ich unterstelle ­jedem, der das nicht tut, dass er unmenschlich ist.

Für Aufsehen sorgte Semenya erstmals 2009, als sie 18-jährig den Weltmeistertitel über 800 Meter gewann, mit zwei Sekunden Vorsprung. Anschließend wurde sie, einfach so, vom Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF gesperrt und zu diversen Sextests genötigt, deren Ergebnisse nicht bekannt sind. Es wurde allerdings aus seriösen Quellen berichtet, dass sie dreimal den Testosteronwert einer „normalen“ Frau hatte. Monate später feierte Semenya ihr Comeback, aber gedemütigt und seitdem stigmatisiert und diffamiert. Eine sachliche und sensible Diskussion auch auf Verbandsseite blieb anschließend zumeist aus – aber die IAAF legte 2011 fest, dass Frauen, wenn sie vom Verband als Frauen akzeptiert werden wollen, einen festgelegten Androgenwert nicht überschreiten dürfen. Wenn doch, müssen sie sich einer androgensenkenden Behandlung unterziehen. Das ist starker Tobak. Die indische Sprinterin Dutee Chand, mit einer 100-Meter-Bestzeit von 11,24 Sekunden übrigens keine Athletin für Olympiasiege, die von Natur aus einen hohen Testosteronspiegel hat, rief das internationale Sportgericht CAS in Zürich an, um das Vorgehen der IAAF anzufechten – und war damit erfolgreich. Die IAAF hat jetzt zwei Jahre Zeit, um wissenschaftliche Nachweise zu erbringen, dass der natürlich er­höhte Testosteronspiegel ein Wettbewerbsvorteil ist. Ja, nicht einmal das ist eindeutig erwiesen. Festgelegt ist derzeit allerdings, dass eine Obergrenze von zehn Nanomol Testosteron pro Liter Blutserum nicht überschritten werden darf, damit eine Person an weibli­chen Wettbewerben teilnehmen darf.

Alles nicht so einfach. Das Thema ist nicht nur wissenschaftlich hochkomplex, sondern bedarf auch dringend einer ethisch-moralischen Diskussion. Und da trauen sich Unwissende einfach so, über Menschen wie Caster Semenya, Francine Niyonsaba und Margaret Wambui den Stab zu brechen? Schade! (Oder müsste ich hier einen noch härteren Begriff wählen?) Ich plädiere dafür, dass die Diskussion über dieses Thema von Personen geführt wird, die über die dazu nötige Kompetenz verfügen: Sportwissenschaftler, Sportethiker, Philosophen, Mediziner … und nicht von Sportlern und Sportjournalisten, die von interdisziplinären Themenkreisen überfordert sind. Exemplarisch für deren Hilf- und Ahnungslosigkeit war der Kommentar der Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe bei der BBC einen Monat vor den Olympischen Spielen: Sie sagte sinngemäß, ein derart vorhersehbarer Sieg wie der von Semenya in Rio sei „kein Sport mehr“. Warum? Wirklich nur, weil die Südafrikanerin derzeit so unschlagbar schnell ist? Und das sagt ausgerechnet die Athletin, deren Weltrekord eher zu den schwer glaublichen gehört.
Hach, dieser Spitzensport! Nichts als Ärger mit den Tops. Da lobe ich mir doch die Freizeitathleten. Ob Mann oder Frau, ist da ziemlich egal, Hauptsache laufen, zusammen laufen.

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