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Anja Scherl mit Race director Frank Thaleiser im Ziel des Marathons in Hamburg (Foto: Norbert Wilhelmi)

Grünings Klartext (aus: Runner's World 06/2016)

Lieber laut oder leise?

Mit Anja Scherl gibt es seit dem Marathon in Hamburg einen neuen Star in der deutschen Marathon-Szene, eine Läuferin, die sich erstaunlich absetzt vom üblichen Getöse im Leistungssport

Reden wir nicht drumherum. Bis vor vier Monaten hatte noch niemand Anja Scherl auf der Rechnung für Rio. Niemand. Auch ich nicht. Nein, niemals. Wie auch, sie hatte ja selbst keinen Plan von ihrem Leistungsvermögen. Erst nach ihrem dritten Platz im Februar beim Halbmarathon in Barcelona, bei dem sie ihre Bestzeit von 73:42 Minuten um 2:25 Minuten auf 71:17 Minuten verbesserte, war klar, dass sie eine realistische Chance auf die Marathon-„Quali“ für die Olympischen Spiele haben würde. Die war zuletzt ja auf 2:30:30 Stunden erhöht worden und bringt man 71:17 Minuten im Halbmarathon ins Verhältnis zum Marathon so entsprechen diese 2:29 Stunden auf der 42,195-km-Distanz (Halbmarathonzeit mal Faktor 2,099).

Und so schmiss die vollzeitbeschäftigte Software-Entwicklerin mit ihrem Ehemann und Trainer Marco kurzfristig die Saisonplanung um und plante für den Marathon in Hamburg den großen Coup. Dort hatte sie schon im letzten Jahr mit einer Leistungssteigerung von 2:48:08 auf 2:36:31 Stunden alle überrascht, warum nicht dieses Jahr den nächsten großen Schritt vollziehen? So zog sie los, was das Zeug hergab. Von wegen „nur die Quali im Blick“, sie ging voll auf Risiko: Nach 1:13:57 Minuten für die erste Hälfte packte sie schließlich sogar noch eine minimal schnellere zweite Hälfte drauf, überholte vier Läuferinnen auf den letzten zehn Kilometern, stieß im internationalen Elitefeld bis auf Platz drei vor und überquerte nach sensationellen 2:27:50 Stunden die Ziellinie am Hamburger Messeturm. Das Wörtchen „sensationell“ wird ja gerne inflationär missbraucht, in diesem Falle ist die Steigerung um 8:41 Minuten aber wirklich nicht anders zu bezeichnen: Sen-sa-tio-nell.

Damit hat die 30-jährige das Ticket für Rio in der Tasche. Sie ist im Nominierungszeitraum derzeit die schnellste deutsche Marathonläuferin, auf Platz zwei folgt die populäre Lisa Hahner mit ihren 2:28:39 Stunden vom letztjährigen Berlin-Marathon vor ihrer Schwester Anna, die in Frankfurt in 2:30:19 Stunden die Norm unterbot. Nicht unrealistisch ist weiterhin, dass die Äthiopierin Fate Tola noch rechtzeitig vor Rio eingebürgert wird, die in Berlin in 2:28:24 Stunden knapp vor Lisa Hahner einlief. Dann wären Scherl, Tola und Lisa Hahner in Rio dabei, Anna Hahner aber draußen. Scherl statt Hahner? Das wäre eine kleine große Überraschung vor allem für die, die den Marathonsport nur in den Medien verfolgen. Unterschiedlicher als Anja Scherl und die Hahner-Zwillinge können Athletinnen in der Außendarstellung ja gar nicht sein. Hier die introvierte, bodenständige Anja Scherl, die einer Vollzeitbeschäftigung mit 40-Stunden-Woche nachgeht, Marathon nebenher läuft und in Hamburg ohne die inzwischen auf ihrem Niveau obligatorischen Tempomacher lief. Dort die extrovertierten, immer fröhlichen und lachenden, lauten Zwillinge, die als Vollprofis auch auf die volle Vermarktung ihres Erfolgs angewiesen sind und von einer Eskorte von Hasen bei ihren Marathons begleitet werden. Ich mag und muss nicht bewerten, was besser oder schlechter ist, freue mich aber dennoch, dass im Sport am Schluss nur die nackte Leistung zählt. Das gefällt mir. Ihnen auch? Aber mal ehrlich: Mögen Sie lieber laut oder leise? Ich sage… mir gefällt beides.

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