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Philipp Pflieger erkämpfte ein Senken der Olympia-Normen

Philipp Pflieger erkämpfte ein Senken der Olympia-Normen (Foto: Theo Kiefner)

Grünings Klartext (aus: Runner's World 04/2016)

Na bitte, geht doch!

Nachdem der Internationale Leichtathletik-Verband seine Olympia-Normen gesenkt hatte, zog nun auch der deutsche Verband nach. Damit haben wir auf einmal fünf Marathon-Starter in Rio  

Endlich hat es auch der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) kapiert. Spät, aber noch nicht zu spät, hat er den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) dazu bewogen, die Normen für die Olympia-Teilnahme unter anderem im Marathonlauf zu senken. Es wurde auch höchste Zeit! Ich hatte es an dieser Stelle schon in der Dezember-Ausgabe gefordert und war damit nur einer von vielen, die der Meinung sind, dass die internationalen Normen auch der nationale Maßstab sein sollten.
Ganz so weit sind wir noch nicht, aber immerhin hat man sich beim DLV nun überwunden, den Forderungen zahlreicher Athleten, Trainer und ­Experten nachzugeben. Im Männer-Marathon senkte man das Limit von 2:12:15 auf 2:14:00 Stunden und bei den Frauen von 2:28:30 auf 2:30:30 Stunden. Grund war auf Verbandsseite die – erstaunlich späte – Erkenntnis, dass das bisherige Kriterium einer „erweiterten Endkampfchance“, welches sich also an den Ergebnissen der Weltspitze orientierte, nicht mehr stichhaltig sei, da diese Ergebnisse offensichtlich „nicht manipulations­frei“ zustande kommen, so die Aussage des DLV-Sportdirektors Thomas Kurschilgen. Meine Güte, und darauf kommt der jetzt erst! In Russland und Kenia jagt doch schon seit Monaten ein Doping­skandal den nächsten, was deutlich macht, dass auch „unser“ Sport nicht sauber ist.

Deshalb ist es eher fraglich, ob die Normenkorrektur wirklich Zeichen eines Sinneswandels des Verbands ist oder dieser mit dem Schritt nicht nur Rechtsstreitigkeiten mit Athleten vor Gerichten verhindern will. Mit einer solchen hatte zum Beispiel Marathonläufer Philipp Pflieger gedroht, der den letztjährigen Berlin-Marathon in persönlicher Bestzeit von 2:12:50 Stunden beendet hatte und damit 4:10 Minuten unter der internationalen Norm von 2:17:00 Stunden geblieben war, aber 35 Sekunden über der damaligen nationalen Norm. Seine Anwälte interpretierten das Einlenken des Verbands als verzweifelten Versuch, „auf Biegen und Brechen ihre Nominierungshoheit zu ver­tei­digen“, wie sie in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert wurden. Vermutlich ist an dieser These eher ein großer Kern denn ein Körnchen Wahrheit dran.

Sei’s drum, jetzt dürfen auf einmal zwei Marathonläufer und zwei -läuferinnen darüber jubeln, dass sie ganz überraschend doch schon die Norm für Rio geschafft haben: besagter Philipp Pflieger, Julian Flügel (2:13:57 Stunden, Berlin 2015) sowie die Zwillingsschwestern Lisa und Anna Hahner (2:28:39, Frankfurt, und 2:30:19, Berlin). Gesetzt war so oder so der deutsche Marathonrekordler Arne Gabius (2:08:33, Frankfurt).
Juhu, mindestens fünf Mara­thonläufer/-innen sind also bei den Olympischen Spielen dabei! Das gibt sicher Aufwind in der Laufszene. Ich habe mir die Marathontage von Rio (14. und 21. August) jetzt natürlich noch dicker im Kalender angestrichen. Ach ja, alle Vorgenannten müssen in diesem Frühjahr/Sommer noch einen Leistungsnachweis über die Halbmarathondistanz liefern: 1:04:00 Stunden die Männer, 1:14:00 Stunden die Frauen. Das finde ich gut. Wir wollen ja tatsächlich auch aktuell fitte Athle­ten in Rio am Start sehen. Und: Wenn andere Läufer beziehungsweise Läuferinnen in diesem Frühjahr noch schneller als Pflieger, Flügel, Hahner laufen, dann sind am Schluss natürlich die dabei, denn nur die schnellsten drei Männer beziehungsweise Frauen können mit – nicht alle, die unter den Normen bleiben.

Schade nur, dass nicht jeder Topläufer des Verbands die Senkung der Normen gutheißt, wie mir zugetragen wurde. So erreichte mich die E-Mail einer Athletin, die in ihrer Disziplin sicher souverän nach Rio rennt und die „Verweichlichung der Normen“ vehement ­kritisierte. „Freizeitsportler haben in Rio nichts zu ­suchen“, schrieb sie und „dass wir Deutschen uns mal die Normen anderer Länder anschauen sollten“. Die sind aber eigent-lich fast alle ­weicher als die der Deutschen. Ja, zugegeben, die japanischen Frauen sollen 2:22:30 Stunden laufen, um nach Rio mitzukommen. Aber die spinnen ja auch, die Japaner. ’tschuldigung, mehr fällt mir dazu nicht ein.

 

Marathonteilnehmer in Rio
Gesetzt
Arne Gabius* (2:08:33)
Norm geschafft
Philipp Pflieger* (2:12:50)
Julian Flügel* (2:13:57)
Lisa Hahner* (2:28:39)
Anna Hahner* (2:30:19)
Noch aussichtsreich
André Pollmächer (Bestzeit: 2:13:05, 2013)
Steffen Uliczka (Bestzeit: 2:20:19)
Fate Tola** (2:28:24)
Sabrina Mockenhaupt*** (2:30:44)

* Halbmarathon-Nachweis erforderlich
** Wartet auf ihre Einbürgerung
*** Wird es eher über 5000 oder 1000 Meter versuchen

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