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Richard Ringer, ein Vorbild: kompromisslos in der Renneinteilung und in der anschließend Analyse (Foto: DPA)

Grünings Klartext (aus: Runner's World 10/2016)

Olympia-Fieber? Vorbei!

Ein Olympia-Fieber stellte sich beim Kolumnisten leider nicht ein. Ein Novum. Doping und Korruption vermiesten dem Betrachter die Laune – und kein Ende ist in Sicht. Da läuft er lieber selbst

Olympische Spiele, Rio? War da was? Fast hätte ich sie verpasst. … Habe ich natürlich nicht, aber ins Olympia-Fieber bin ich nicht gekommen, erstmals seit 40 Jahren, in denen ich die Olympischen Spiele bewusst miterlebe. Sie denken jetzt vermutlich: Das geht ja gar nicht! Es ist doch sein ­Beruf, sich dafür zu interessieren. Nö, das ­sehe ich nicht so. Als Macher eines Laufmagazins habe ich mich fürs Laufen zu interessieren. Und da kann ich Ihnen sagen: Selten habe ich mehr Bock auf Läufer und Laufen gehabt als in den letzten Wochen und Monaten. Aber das hatte mit Olympia nichts zu tun. Der Grund für meinen Enthusiasmus ist ein anderer: Das Laufen geht neue Wege, wird sozialer, kommunikativer, vielschichtiger, abwechslungsreicher – und emanzipiert sich immer mehr vom Spitzensport. Laufen lebt zunehmend aus sich selbst. Wir Läufer erstürmen Gipfel (das nennt man „Trailrunning“), erobern uns die Innenstädte (das nennt man „Urban Running“), klettern über Hinder­nisse, jagen „Segmente“ oder Pokémons (siehe „Ausprobiert“, Seite 22), jagen auch weiter persönliche Bestzeiten, „Planken“ vorher, nebenher, hinterher … Laufen erfasst eine immer breitere Zielgruppe, wird noch mehr Trend, als es je war – und das ganz ohne deutsche Olympiasieger oder -medaillenfänger. Gibt es sie, so feiern wir sie, gibt es sie nicht, dann laufen wir einfach weiter. Unserem Spaß am Laufen tut das keinen Abbruch.

Trauen Sie dem Fabelweltrekord der 10 000-Meter-Olympia­siegerin Almaz Ayana? Sie lief 29:17,45 Minuten, 14 Sekunden schneller als die damals schon unfassbaren 29:31,74 Minuten der Chinesin Wang Junxia, deren Rekord, vor 23 Jahren aufgestellt, über die Jahre immer unglaubwürdiger wurde. Ich traue ihm nicht. Und freuen kann ich mich deshalb auch nicht darüber. Aber ich traue der Leistungsentwicklung meiner Kollegin Tülay, die im Winter mit dem Laufen begann und inzwischen (mindestens) dreimal pro Woche läuft und bis zu zwölf Kilometer am Stück schafft. Und darüber kann ich mich auch richtig freuen. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill? Oder: Glauben Sie IOC-Boss Thomas Bach, dass die Spiele in Rio den Steuerzahler nichts gekostet haben und er vom Ticket-Schwarzhandel eines seiner wichtigsten Unterstützer im IOC, des Iren Patrick Hickey, nichts gewusst hat? Ich glaube ihm nicht. (Und gegenteilige Beweise zu Ersterem liegen ja schon vor.) Aber ich glaube meiner Lauffreundin Grit, dass sie die Laufschuhe, die wir ihr gegeben haben, an die Flüchtlinge weitergibt, die sie betreut. Ich glaube es nicht nur, ich weiß es. Und ich freue mich darüber.
Ist das jetzt zu plakativ? Egal, Sie wissen, was ich mit diesen Vergleichen bezwecken will. Räumt den Laden endlich auf, sage ich all den Funktionären, die sich im Leistungssport tummeln, und ahne doch, dass es dafür viel zu spät ist. Korruption und Doping sind längst feste Bestandteile des Spitzensports, und das Rad zurückzudrehen ist offensichtlich unmöglich. Unter die Räder kommen dabei all die Athleten, Trainer und Funktionäre, die sauber und unkorrumpierbar sind.Schade, sie tun mir leid. Aber ich fürchte, man kann ihnen nur eins empfehlen: Karriere hinschmeißen. Es. Ist. Zu. Spät. Ob ich frus­triert bin? Deswegen? Ich? Nein, ich laufe, ich glaube ich sagte es schon mehrmals, einfach weiter. Tun Sie das auch.

Furchtbar. So eine negative Kolumne zu schreiben macht keinen Spaß. Deshalb zum Schluss noch ein Hoffnungsschimmer: Der deutsche 5000-Meter-Läufer Richard Ringer suchte bei Hitze und am frühen Morgen in seinem Vorlauf sein Heil in der Flucht nach vorn, gegen übermächtige Konkurrenz. Er rannte völlig kopflos um sein Leben und musste dafür büßen, wurde durchgereicht und landete schließlich auf Platz 38 gesamt. Anschließend entschuldigte er sich beeindruckend offen und ehrlich für seinen Misserfolg. Das hätte er nicht tun müssen. Aber wir haben ihn für seinen Mut im Rennen und in der Analyse geliebt. Das ist echter Sportsgeist. Und er ist mein heimlicher Star in Rio.

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