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Anna Hahner hat fast 60 000 Facebook-Follower. Deshalb muss sie in Rio aber noch lange keine Medaille holen (Foto: Theo Kiefner)

Grünings Klartext (aus: Runner's World 09/2016)

Sie holen kein Gold. Na und?

In diesen Zeiten machen soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Co. aus tollen Sportlern ­gehypte Superstars. Das hat für die Athleten Vor-, aber auch Nachteile

Dieser Tage finden in Rio die olympischen Marathons statt (Frauenstart: 12. August, 9:30 Uhr Ortszeit; Männerstart: 21. August, 9:30 Uhr Ortszeit). 42 Kilometer bei tropischem Klima an der ­Copacabana entlang: härteste Bedingungen für westeuropäische Athleten. Keine Chance für auch nur einen von ihnen, vorn mit dabei zu sein. Die Medaillen werden die Afri­kaner unter sich ausmachen (Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 20. Juli). Selbst bei kluger Renneinteilung und in herausragender Form werden unsere deutschen Starter maximal im vorderen Mittelfeld landen, wahrscheinlicher noch im hinteren Teil des Feldes. Schon im Juli bei den Europameisterschaften in Amsterdam waren unsere Straßenlauf-Asse keine Aspiranten für die vorderen Plätze. Auf der dort angebotenen Halbmarathon-Distanz liefen sie eher unter „ferner liefen“. Am besten platziert war Anja Scherl als 17. bei den Damen. Die bekannteste Athletin, Anna Hahner, wurde sogar nur 74., oder anders gesagt: Achtletzte.

Dies ist auch ein Ergebnis der angepassten Normenpolitik des Deutschen Leichtathletik-Verbands. Jetzt haben wir bei den Leichtathletik-Großereignissen zwar die maximale Zahl an Langstrecklern im Marathon dabei, aber nun müssen wir auch damit leben, dass sie nicht vornweg rennen, sondern hinterher. Und die Öffentlichkeit, die gegen das Doping im Spitzensport schimpft, muss auch damit klarkommen, dass die meisten (wahrscheinlicher: alle) unserer Marathonfrauen und -männer bei Olympia nur eine Randnotiz im Ergebnisteil sind. Mir ist das völlig egal, bin ich doch selbst früher oft genug bei internationalen Einsätzen nur im hinteren Mittelfeld mitgewetzt. Aber ist es Ihnen das auch?
Also, für die Athleten selbst sollte das kein Problem sein. Sie wissen um ihre realistischen Chancen, oder besser: Nichtchancen. Sie geben in Rio ihr Bestes, und wenn sie das getan haben, können sie zufrieden nach Hause reisen … Stopp! Ganz so einfach ist das heutzutage nicht. Früher war dies möglich, ja, aber heute steppt in den sozialen Netzwerken auf den Profilen der Athleten der Bär, feuern Hunderte völlig verkannter Laufexperten ihre Meinung ab. Dadurch brechen ganz viel Lob und Ehr, aber auch unfreundliche – nicht selten sogar unverschämte – Kommentare über die Läufer herein. Das ist, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig. Wütende Ausbrüche entstammen im Wesent­lichen den enttäuschten Erwartungen, die man an die vielfach über die Maßen gehypten Superstars hatte. Bestes Beispiel: Lisa und die oben erwähnte Anna Hahner, bekannt als die „Hahner-Twins“, die am Erstverkaufstag dieser Ausgabe in Rio an den Start gehen. Wer knapp 58 000 Facebook- und über 22 000 Instagram-Follower hat, wer so oft wie die beiden im Vorfeld der Olympischen Spiele in den Medien auftaucht, wer im „Aktuellen Sportstudio“ neben den Goldkandidaten der Hockey-Nationalmannschaft sitzt, der ist ein Super-Hero, ein Promi … und auch ein Vorbild. Und für so jemanden wird es schwer, seinen Fans klarzumachen: Ich kann nicht gewinnen. Ich laufe nicht um eine Medaille mit. Ich bin dabei, das ist für mich schon ein großer Erfolg. Das hat schon ein wenig von dem Goethe-Spruch aus der Ballade „Der Zauberlehrling“: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht mehr los.“

Anna Hahner erfuhr dies zum Beispiel nach ihrem schlechten Abschneiden bei den Europameisterschaften, das sie ganz anders bewertete als viele ihrer Fans: „Yeah, ich bin mega-happy“, schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite angesichts der Tatsache, dass sie wenige Tage zuvor mit dem Rad schwer gestürzt war. Doch sie erntete für ihren überschwänglichen Kommentar nach durchschnittlicher Leistung harsche Kritik. Nein, in ­ihrer Haut möchte ich in solchen Momenten nicht stecken. Ich hoffe einfach, dass diese Zeilen dazu anregen, darüber nachzudenken, wie wenig die Zahlen der Facebook- oder Instagram-Follower über die Qualität eines Athleten aussagen. Haben Sie also nicht zu große Erwartungen an unsere Marathon-„Stars“, und gehen Sie mit ihnen glimpflich um, wenn sie nicht vorn mitlaufen. Aber feiern Sie sie, wenn sie es doch tun, auf Facebook, Instagram – oder schicken Sie ihnen eine Postkarte. Die Adressen gibt’s bei mir.

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