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Handschriftliche Aufzeichnungen: Für manchen Hyroglyphen, für den Verfasser Wesentliches

April 1992

Höhepunkt überschritten

Trainingstagebuchaufzeichnungen, 1.4.-14.4.1992: 

In der Vorbereitung auf den Marathon-Weltcup 1992 in London hatte ich es im Training überrissen. Zu wenig Grundlagentraining, zu hohe Intensitäten. Und zum Schluss der Vorbereitungsphase versuchte ich, das Ruder mit Überdistanzläufen rumzureißen, hielt aber an den hohen Tempi fest – das ging völlig schief.

In London rannte ich im damals besten Marathon aller Zeiten (was die Durchschnittszeit der ersten 100 Platzierten anging) in 2:21:09 Stunden auf Platz 119 ein, ein Desaster. Im Vorfeld hatte ich entspannt die Westdeutschen 25-km-Meisterschaften in 1:17:04 Stunden gewonnen (damals gab es hierzulande nur 25- nicht 21,1-km-Rennen; aber ich ging dort den Halbmarathon in zirka 1:04:30 min durch…) und liebäugelte für London mit einer 2:12er Endzeit. Abgesehen davon, dass ich dort viel zu schnell anlief (15 km: 46:16 min), war ich zum Zeitpunkt des Rennens schon längst über den Höhepunkt meiner Form drüber. Ich hatte es im Training überrissen. Der verzweifelte Versuch, Trainingsfehler in der Endphase der Vorbereitung zu korrigieren, führten zu noch mehr Fehlern.

Die ersten 9 der 14 Vorbereitungswochen hatte ich mich, was das Dauerlauftempo anging, in einen Rausch gerannt, mein „Wohlfühltempo“ (=“lockerer DL“, 75-80 % der HFmax), auf 3:45-50 min/km gesteigert, gute Intervalltrainings in Masse rausgehauen (u. a. 10 x 1000 m in 2:52 min/200 m Trabpause; 4 x 3000 m in 9:00 min/800 m Trabpause), aber zu kurze lange Läufe (9 x 30-32 km) und vor allem keine Tempodauerläufe (Marathonrenntempo!) gemacht, dafür viele Wettkämpfe, und auch deshalb den Gesamtumfang zu niedrig gehalten (nur zwischen 131 bis 190 km/Woche). Irgendwann registrierte ich’s…

…und dann versuchte ich, dies in den verbleibenden drei Vorbereitungswochen noch zu korrigieren. Das Foto zeigt zwei der letzten drei harten Belastungswochen (dann folgten noch zwei Tapering-Wochen bis zum Marathon). Ich haute „spontan“ zwei Überdistanzläufe ins Programm (19.3., 27.3.: 45 km in 3:03 und in 2:56 Stunden), die ersten meines Lebens, zog den Umfang insgesamt nochmal höher, knallte den ersten und einzigen (!) Tempodauerlauf der Vorbereitung rein und lief den viel zu schnell – statt im Marathonrenntempo in 31:00 Minuten in 29:30 Minuten (22.3.). Und ich machte aus dem klassischen Intervalltraining noch ein Tempowechseltraining, was mir den „Todesstoß“ gab (28.3.). Danach war ich endgültig durch und die Zustandsbeschreibung „platt“ zierte anschließend fast jeden Belastungstag.

Das Learning war eindeutig: Man darf nicht an allen Schrauben gleichzeitig drehen. Alles hat seine Zeit. Man kann nicht maximale Sauerstoffaufnahme, aerob-anaerobe Schwelle und die aeroben Fähigkeiten gleichzeitig provozieren. Das schrieb ich mir auch nach dem London-Untergang ins Trainingstagebuch. So ganz richtig hinbekommen, habe ich es aber selten, wohl auch, weil Leistungstraining immer mit dem Ausloten von Grenzen zu tun hat…

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