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Handschriftliche Aufzeichnungen: es gab noch keine elektronischen Aufzeichnungsmöglichkeiten

Oktober 1984

Vor dem ersten Marathon

Trainingstagebuchaufzeichnungen, 14.10.-27.10.1984: 

Im Oktober 1984 lief ich meinen ersten offiziellen Marathon, in Essen am Baldeneysee. Eine Strecke, von der ich bis heute behaupte, dass es die schnellste in Deutschland sei. Naja, ich weiß, Berlin, Berlin… Und: eigentlich war es gar nicht mein erster Marathon.

Schon ein Jahr zuvor, im Oktober 1983, hatte mich mein damaliger Vereinstrainer Adam „Adi“ Rosenbaum spontan aus der Regenerationsphase heraus zu einem Marathonlauf angemeldet, völliger Blödsinn, elf Tage keinen Schritt gelaufen und dann Marathon. In Waldniel. Ich lief mit meinem Lauffreund Ralf Kionke mit (er war wenige Wochen zuvor Deutscher Junioren-Meister über 3000 Meter Hindernis geworden, ich über 5000 und 10000 Meter bei den Meisterschaften ausgestiegen). Wir gingen völlig ahnungslos mit dem Führenden mit (Kevin Hodsmann hieß er, wenn ich mich recht erinnere), tranken unterwegs nichts, aßen sowieso nichts, und starben ab Kilometer 30 vor uns hin. Ralf lief 2:31 Stunden, ich 2:32 Stunden, wir hakten es als hartes Training ab und begannen am darauffolgenden Tag mit dem Wintertraining. Bescheuert. Ich trennte mich in dem Winter vom alten Coach und ließ mich ab jetzt vom damaligen Marathon-Bundestrainer Winfried Aufenanger beraten.

Seine Ansage für die Saison 1984 war klar: 5000 Meter unter 14:15 Minuten,  10000 Meter unter 29:30 Minuten und Marathon irgendwann in den nächsten drei Jahren mal wieder… beziehungsweise erstmals ernsthaft dann, wenn ich die 5000 unter 14 und die 10000 unter 29 Minuten liefe. Kluger Mann, dieser Aufenanger (bis heute übrigens!): Über das Unterdistanzvermögen definiert sich (auch) das Marathon-Maß. Ich lief in dem Jahr die 5000 Meter in 14:06 Minuten, die 10000 Meter in 29:08 Minuten und… drängelte: „Oh Herr, bitte lass mich einen Marathon laufen“. Der Trainer gab nach. Wir entschieden uns für Essen auch, weil klar war, dass ich dort in der Spitze mitlaufen könnte und somit eine Betreuung aus dem Führungsfahrzeug möglich sein würde. Coaching der unerlaubten Art? Nö, es gab eh nicht mehr zu erwarten als laute Ansagen von Zwischenzeiten, Anfeuerungsrufe und sonst nichts. Trinken und essen tat ich in dem Marathon (wieder) nichts, denn erstens hatte ich damit keine Erfahrung, zweitens gab es noch keine Wettkampfernährung wie heute (erfahrene Läufer nahmen Wasser, Tee und Salztabletten, sowie eventuell Bananen und Apfel- oder Orangenschnitzen) und drittens hatte ich im Rennen Magenbeschwerden. Ich erinnere mich nur noch daran, dass ich zweimal „musste“, dass mir dies furchtbar peinlich war, es furchtbar regnete, was mich wieder etwas rein wusch, ich mir deshalb aber auch die Innenseite der Oberschenkel furchtbar wund rieb. Ja, es war furchtbar… schön. Ich siegte schließlich in meinem ersten „echten“ Marathon in 2:18:24 Stunden. Hinterm Zieleinlauf versuchte ich schnellstmöglich allen zu entschwinden, die Magenbeschwerden hatten doch unschöne Spuren hinterlassen.

Die Zwischenzeiten kann man auf dem Foto erkennen (1. Hälfte 1:08:46 min/2. Hälfte 1:09:38 min), die letzte schnelle Einheit war drei Tage vorher ein 5-km-Tempodauerlauf (17.10.), der eigentlich im geplanten Renntempo sein sollte (später machte ich immer vier Tage vor dem Marathon 2 x 5 km im Marathonrenntempo), welches wir ursprünglich mit 16:20 min/5 km angesetzt hatten. In den drei Wochen nach dem Marathon lief ich nur 50-60 Kilometer pro Woche, vor dem Marathon maximal 170 Kilometer.  Mein lockeres Dauerlauftempo lag damals bei 4:00-10 min/km.

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5 Kommentare

  1. scheiße ist das schnell – aber die Strecke ist geil am Baldeneysee. Auch meine Bestzeit dort – ne halbe Stunde später in 2.47h 1993. Aber 1 Jahr vorher in Berlin mein erster Mara in 3.38h

    1. Tolle Steigerung! In einem Jahr 50 min verbessert… Chapeau!

    1. Mit dem richtigen Training schafft es jeder Mensch unter 3 h… oder so.

  2. Da müssen vermutlich 95 von 100 Lesern schmunzeln, 10km locker in 4:10 ;-). Herrlich die Art der Tagebuchführung, ohne Puls, ohne Tempokorridor, einfach nur Laufen, herrlich.

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