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Fate Tola (2:28:24 Stunden) und Arne Gabius (2:08:33 Stunden) führen bei Frauen und Männern die deutsche Marathon-Bestenliste 2015 an (Fotos: Norbert Wilhelmi)

Grünings Klartext (aus: Runner’s World 02/2016)

Da tut sich doch was

Arne Gabius scheint beim deutschen Männer-Marathon der Vorreiter einer positiven Bewegung zu sein. Die Gesamtleistungen auf der Distanz ziehen an. Dahinter steckt viel Psychologie.

Manchmal sind die Dinge doch sehr viel einfacher, als man denkt. Mit dem deutschen Männer-Marathon ist das zum Beispiel so. Da gibt es auf einmal einen Vorläufer wie den neuen deutschen Marathonrekordler Arne Gabius (2:08:33 Stunden in Frankfurt), und schon geht hier­zulande ein Ruck durch die gesamte Männer-Marathon-Szene. Nimmt man die zehn schnellsten deutschen Marathonläufer des Jahres 2015, dann war der Durchschnitt ihrer Zeiten in den letzten 15 Jahren nie schneller. Von Gabius’ 2:08:33 bis zu Dawit Kabede Endshus 2:19:30 Stunden reicht die Liste der ersten zehn. Respekt. Da macht offenbar vorn einer ein Fass auf, und schon bekommen die anderen das Selbstvertrauen, auch mehr zu wagen – oder so. „Reine Psychologie“, sagt Patrick Sang dazu, der den besten Marathonläufer der Welt, Eliud Kipchoge, trainiert (siehe Mixed Zone Spezial, S. 106).

Ist es wirklich so einfach? „Ja!“, sagt auch der neue Rekord­halter Gabius: „Ich wehre mich zum Beispiel dagegen, immer von den kenianischen ‚Wunderläufern‘ zu reden. Es ist kein Wunder, dass die vorneweg rennen, das ist harte Arbeit. Und weil es ‚nur‘ harte Arbeit ist, können wir das auch.“ Gabius hat Worten ja auch Taten folgen lassen, eigentlich schon 2014, als er beim Debüt in 2:09:32 brillierte und zeigte, dass was geht, wenn man es sich (zu-)traut. Sicher auch durch Gabius’ Selbstvertrauen animiert, hat sich ein Philipp Pflieger dann nicht gescheut, im Herbst in Berlin ganz forsch auf die Olympia-Norm (2:12:15 Stunden) anzulaufen. „Riskant“, munkelten die Experten, die noch Pfliegers Ausstieg ein Jahr zuvor in Frankfurt im Gedächtnis hatten. Aber Pflieger traute sich was und schaffte die Norm … fast. Im ersten beendeten Marathon eine 2:12:50, das ist in Deutschland – Gabius mal außen vor – seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen.

Dass das Ganze Grenzen hat, lässt sich vielleicht am drittschnellsten Marathonläufer 2015 aufzeigen: Julian Flügel. Auch er wagte in Berlin den Run auf die Norm und musste dafür auf der zweiten Hälfte büßen. Am Schluss kam zwar mit 2:13:57 Stunden eine Bestzeit raus, aber die geforderte Zeit blieb unerreichbar. Beeindruckend ehrlich zog Flügel Bilanz: „Die Norm ist für mich nicht machbar. Das muss ich realistisch anerkennen.“ Er wird im Frühjahr keinen weiteren Angriff auf die 2:12:15 wagen. Psychologie macht viel aus, ist aber nicht alles.
Aber warum zeigt sich bei den deutschen Frauen der Ruck, den man bei den Männern registriert, in der Statistik nicht (siehe ­unten)? Weil die Frauen in den letzten zehn Jahren bei Weitem nicht in einer solchen Flaute steckten wie ihre männlichen Kol­legen, sondern mit Irina Mikitenko und Sabrina Mockenhaupt sowie den Hahner-Twins Anna und Lisa auf mehr (Irina Miki­tenko!) oder weniger internationalem Niveau mithielten.

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