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Gelitten, gebissen, gekämpft, aber geschafft: Arne Gabius mit neuem ­Deutschen Marathon-Rekord im Ziel in Frankfurt (Foto: Victah Sailer/Photo Run)

Grünings Klartext (aus: Runner’s World 01/2016 - Ein Rekord mit Ansage)

Ein Rekord mit Ansage

Arne Gabius hat in Frankfurt einen neuen deutschen Marathon-Rekord aufgestellt. Beeindruckend war aber vor allem, wie er es tat: verdammt selbstbewusst.

Meine Prognose war falsch. Ich hatte Arne Gabius den Rekord in Frankfurt nicht zugetraut – noch nicht. Nicht in seinem zweiten Marathonrennen überhaupt. Nach seinem Debüt am selben Ort im Jahr zuvor, von ihm spielend leicht in 2:09:32 Stunden absolviert, hatte ich befürchtet, dass er es sich beim zweiten Mal zu leicht vorstellen würde. Der zweite Marathon ist stets einer der schwersten. Das ist eher ein psychologisches Phänomen: Hat man vor dem ersten gehörigen Respekt, mangelt es den meisten beim Zweiten daran. Demut. Demut ist beim Marathon ein wichtiges Moment. Doch schon in den ­Tagen vor dem Marathon strafte mich Gabius Lügen: Selten, nein, noch nie habe ich einen deutschen Marathonläufer erlebt, der sich so selbstbewusst gab wie der 34-Jährige, und das keineswegs großmäulig, sondern ruhig, sachlich und bei allem immer eins: ganz sicher. Beeindruckend. Und dann die letzte Pressekonferenz vor dem Start: Jetzt begann er sogar über den Europarekord zu spekulieren. 2:06:36 Stunden. Unmöglich! Ich blieb bei meiner Prognose, jetzt erst recht: kein Rekord. Nicht 2015.

Der Startschuss. Gabius vornweg. Das ganze Spitzenfeld auf seine Marschtabelle eingestellt: 3:00 Minuten pro Kilometer. Zielzeit: 2:06:36. Europarekord. Rennleiter Christoph Kopp hatte klargestellt: Keiner rennt bis Kilometer 30 schneller, auch kein Afrikaner. 15:08 Minuten bei Kilometer 5, Gabius in der Spitzengruppe mittendrin. 30:10 bei Kilometer 10 (5-Kilometer-Abschnitt in 15:08 Min.), Gabius mittendrin. 44:59 bei Kilometer 15 (14:49 Min.) – und Gabius hintendran. Ade, Rekord! Dachte ich. Hier beginnt sich meine Prognose zu bewahrheiten. Dachte ich. Zu schnell, die Kohlenhydrate verschossen. Hintenraus ist Joggen angesag. Dachte ich. Doch Gabius hielt gegen: 20 Kilometer in 1:00:05 (15:06 Min.), 25 Kilometer in 1:15:15 (15:10 Min.). Und dann begann er zu wackeln: 30 Kilometer in 1:30:35 (15:20 Min.), die Augen weit aufgerissen, 35 Kilometer in 1:46:09 (15:34 Min.). Er griff sich in die Seite, schrie laut seinen Schmerz hinaus. Gleich steht er, vorbei! Dachte ich. 40 Kilometer in 2:01:52 (15:43 Min.), und er war noch immer da. Kämpfte, fluchte, überholte. Die letzten 2,195 Kilometer noch mal in 6:41. Rekord! 2:08:33 Stunden. 14 Sekunden unter dem alten. Respekt, Mann! Dachte ich. Meine Prognose? Schall und Rauch. Und irgendwann der Europarekord. Ich glaube daran!

Marathon Männer
Entwicklung des Deutschen Rekordes

2:32:53 Willi Bürklein 16.7.1950 Nürnberg
2:32:00* Arthur Frisch 20.7.1952 Potsdam
2:31:03* Siegfried Meyer 12.9.1954 Neustadt
2:28:24* Siegfried Meyer 2.10.1955 Bukarest
2:27:41 August Blumensaat 16.10.1955 Atenrath
2:26:53* Kurt Hartung 15.7.1956 Karl-Marx-Stadt
2:21:45* Lothar Beckert 12.8.1956 Piesamäki/FIN
2:21:29* Klaus Moser 8.7.1962 Bad Saarow
2:19:52* Gerhard Hönicke 11.7.1964 Jena
2:18:32* Herbert Fink 29.8.1965 Upice
2:17:24* Gerhard Lange 21.7.1966 Jena
2:16:10* Jürgen Busch 7.5.1967 Karl-Marx-Stadt
2:13:46* Jürgen Busch 19.05.1968 Karl-Marx-Stadt
2:13:20* Eckhard Lesse 29.4.1972 Karl-Marx-Stadt
2:12:50 Lutz Philipp 4.6.1972 Manchester/GBR
2:12:25* Eckhard Lesse 3.6.1973 Manchester/GBR
2:12:02* Eckhard Lesse 8.12.1974 Fukuoka/JPN
2:09:55* Waldemar Cierpinski 31.7.1976 Montreal/CAN
2:09:14* Jörg Peter 21.7.1984 Ost-Berlin
2:09:03* Michael Heilmann 14.4.1985 Hiroshima/JPN
2:08:47* Jörg Peter 14.2.1988 Tokio/JPN
2:08:33 Arne Gabius 25.10.2015 Frankfurt/M.

*zu diesem Zeitpunkt DDR-Rekorde

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